U bevindt zich hier: Duits Gas über Ypern  
 DUITS
Der 1. Weltkrieg
Krieg und Literatur
Georg Heym
Bekannte Künstler
Erich Maria Remarque
Gas über Ypern
Deutsche Geschichte

GAS ÜBER YPERN

Einleitung

Hier könnt ihr den Text des Dokumentar-Filmes 'Gas über Ypern' mitlesen. Den Film und die dazu gehörenden Aufgaben werden in der Klasse besprochen.


Gas über Ypern

Giftgas. Der Schrecken des Ersten Weltkrieges. Die Deutschen sind die ersten die das tödliche Gift gegen ihre Feinden richten. An der Westfront in Ypern. Bald wird es der Gegner ihnen gleich tun. Und dann tötet das Gas an allen Fronten.

Die Wissenschaftler entwickeln die Rezeptur für den Gastod. Die chemische Industrie macht die Waffen fronttauglich. Die Hager Landkriegsordnung von 1907 verbietet den Einsatz von chemischen Waffen. Doch keiner hält sich daran. Und in den Schützengräben erleiden Tausende Soldaten einen qualvollen Tod. Franzosen, Briten, Deutsche, Kanadier, Belgier. Wer überlebt ist gezeichnet.

Gashölle Ypern.

Flandern, in Belgien. April 1915. Nichts bewegt sich. “Stillstand an der Front“ , registrieren die deutschen Beobachter. Der Krieg kommt nicht voran. Nur gelegentlich kleine Scharmützel. Kampfalltag. So wie an allen Frontabschnitten im Westen. In diesen Wochen finden auch in Ypern keine großen Schlachten statt. Doch hier wird bald eine neue Kriegsführung ihren Anfang nehmen, die mit dem heldenhaften Kampf, Mann gegen Mann, nichts mehr zu tun haben wird. Seit Ende 1914 heben sich die Deutschen vor Ypern, oder Ieper, wie die Flamen sagen, festgerannt. Sie graben sich ein, bauen ihre Stellungen aus, bereiten neue Attacken vor.

Auch der Gegner sitzt fest, in den ewig feuchten Schützengräben Westflanderns. Wie diese kanadischen Soldaten, die das britische Expeditionsheer verstärken. Oder die Zuaven, Soldaten aus französisch Algerien, die in Belgien Frankreich verteidigen. Man beobachtet und belauert sich. Die Ruhe ist trügerisch.

Bei den deutschen Soldaten herrscht nervöse Anspannung. Der Lanzer Wilhelm Kaiser schickt am 17. April 1915 an die Mutter einen Feldpostbrief. Er schreibt:

Gerhard Kaiser – Neffe eines deutschen Soldaten bei Ypern
„Ich bin sehr auf Taten begierig, möge der Wind günstig sein“. Das deutet auf eine Waffe, die auf eine bestimmte Windrichtung angewiesen ist, das ist das Gas.“

Eine neue Waffe. Seit Wochen graben die Soldaten in den Schützengräben tausende von Stahlflaschen ein. Einfache, handelsübliche Flaschen, gefüllt mit verflüssigtem Chlorgas. Bleirohre werden über die Brustrolle hinweg auf den Feind gerichtet. Alles geschieht mit äußerster Geheimhaltung. Desinfektionskompanie, heißt die Spezialtruppe. Angeführt werden sie von einem deutschen Professor, Fritz Haber. Er hat die Wunderwaffe erdacht und entwickelt. Das Chlorgas wird in die Stellungen des Gegners geblasen und der muss aus dem Schützengraben fliehen, so die Theorie. Wenn da der Wind nicht wäre.

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Mein Vater erzählte mir nicht viel davon. Er sagte, sie waren in Ypern eine ganze Zeit einsatzbereit, ein paar Wochen schon, aber der Wind stand nicht richtig. Mein Vater sagte, du brauchst Wind. Er darf nicht zu stark sein und nicht zu schwach. Wenn er zu stark ist, dann zerstreut er das Gas zu schnell, und wenn er zu schwach ist, bewegt sich gar nichts. Er sagte, fünfzehn - fünfundzwanzig Stundenkilometer wären optimal.“

Ein frommer Wunsch, ausgerechnet in Flandern, wo Tag um Tag der Wind aus der falschen Richtung vom Meer ins Land fliegt.

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Es war ein schöner Tag, an dem es losging, eigentlich ein Tag zum Picknicken.“

Es ist der 22. April 1915. Endlich ist Ostwind. Angriffswind. Am Nachmittag um sechs Uhr werden die Ventile geöffnet. Heftiges Artilleriefeuer unterstützt den Überraschungsangriff.

Joyce M. Kennedy – Tochter eines kanadischen Soldaten:
„Zuerst achteten sie nicht darauf. Es verwirrte sie mehr als das sie sich fürchteten. Aber dann sahen sie wie die Algerier und die Franzosen flohen, wie sie stolperten, hinfielen, sich erbrachen, mit Schaum vorm Mund nach Luft schanppten. Dann erst kam auch bei den Kanadiern die Angst und sie rannten weg. Ein Offizier sagte den Soldaten sie sollten auf ihre Wickelgamaschen pinkeln, oder auf ihre Taschentücher, und sie vors Gesicht halten. Sie nahmen an, der Urin konnten das Gas binden und Leben retten.“

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Es dauerte eine Stunde bis sich die Gaswolke lichtete. Mein Vater sagte, als die Gaspioniere später über das Schlachtfeld gingen konnten sie das Gas noch riechen und es haftete an den wenigen Bäumen die es dort noch gab. Und sie sahen wie all die Kaninchen, Maulwürfe und andere Tiere aus ihren Höhlen gekommen waren und tot auf der Erde lagen. Dann fanden sie die Franzosen. Mein Vater sagte er sah auch Engländer. Ich vermute, das waren Kanadier. Er meinte, einige von ihnen hätten sich selbst erschossen.“

Maria Vandeputte – Jahrgang 1903, wohnte bei Ypern:
„Alles was ich vom Gas gesehen habe war die Nebelwolke die kam. Die war über uns und ist sicherlich bis in den Nachbarort Poperinge gezogen. Aber ich habe sie gerochen und auch geschmeckt. In Poperinge erzählt man, dass sie bereits kleiner geworden war. Das war so eine dicke Nebelwolke, die in Richtung Ypern zog, und sie war zum Teil auch über uns. Wir, also ich, mein Bruder und Großvater lagen auf dem Wagen und sahen wie sie vorbeizog.“
„Sechsunddreißig Kühe mussten wir zurücklassen. Wir sind mit drei Bauernpferden geflohen. Ein Pferd mussten wir zurücklassen.“

Eintausendzweihundert Soldaten sterben beim Gasangriff. Dreitausend werden verwundet, viele vermisst. So auch Wilhelm Kaiser, der junge Lanzer, der in seiner letzten Feldpost an die Mutter noch so große Hoffnung in die neue Wunderwaffe gesetzt hat.

Gerhard Kaiser – Neffe eines deutschen Soldaten bei Ypern:
„Er selbst ist nicht wieder aufgetaucht. Es passt für mich zu dieser Anonymität, zu dieser, diesem Schleichen dieser neuen Waffe, dass einer der das nun angewendet hat selbst dadrin verschwindet.“

„Teufelei, dein Name ist Deutschland“, kommentiert im Mai der englische Daily Mirror die ersten Bilder aus der Gashölle Ypern.

4. August 1914. Neun Monate vorher. In der Nacht überschreiten deutsche Soldaten bei Aachen die belgische Grenze. Eine Million Mann, in der Geschichten ist dieses gewaltige Heer ohne Beispiel. Das Ziel der Marschkolonnen ist nicht Brüssel, sondern Paris. Sieben Armeekorps haben die kaiserlichen Kriegsplaner dafür vorgesehen. Fünf Armeen sollen in einem großen Bogen durch Belgien und Luxemburg die Nordflanke der Franzosen umgehen und dann auf Paris vorstoßen. An der Grenze bei Elsass-Lothringen stehen zwei weitere Armeen bereit, der sogenannte Schliefenplan. Erst vierzig Kilometer vor Paris wird der deutsche Vormarsch gestoppt. Die Franzosen sprechen vom Wunder an der Marne. Tausende von Belgiern fliehen vor dem kaiserlichen Heer in die Westprovinzen, nach Frankreich oder ins Neutrale rein. Belgien hat den Nachbarn den Durchmarsch nicht erlaubt. Dem Kaiser schert’s nicht. So wird der Durchmarsch zum Einmarsch. Der belgische König Albert I. ruft seine Armee zum Widerstand auf gegen die Invasion. So haben sich die Deutschen das nicht vorgestellt.

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Einmal war da eine Falle. Alles sah normal aus. Sie marschierten in ein Dorf ein als plötzlich ein Maschinengewehr vom Kirchturm aus zu feuern begann. Also verließen sie das Dorf wieder. Der Hauptmann telefonierte mit dem Hauptquartier und es dauerte nicht lange und Artilleriegranaten flohen über ihr Köpfe hinweg ins Dorf. Am Abend kehrten sie zurück. Mein Vater sagte, da war nicht übrig, kein Stein mehr auf dem anderen. Die sechshundert Jahre alte Kirche war nur noch Schutt. Sie fanden den Bürgermeister, der vorher am Kirchenportal gestanden hatte tot unter den Trümmern der Kirche.“

Die Invasoren rechtfertigen den Terror gegen die belgische Zivilbevölkerung. Partisanen würden den friefdlich gesinnten deutschen Soldaten immer wieder in den Rücken fallen. Eine Lüge.
Bilder der deutschen Propaganda. Der deutsche Lanzer als Opfer eines hinterhältigen und feigen Feindes. Die Wochenschau präsentiert Partisanen, sogenannte ‚franc-tireurs’. Tatsächlich gibt es in Belgien militärischen Widerstand, aber keine Partisanenbewegung. Auch passiver Widerstand der Zivilbevölkerung wird als Kriegshandlung gewertet. Wehfähige Männer, wie hier in Nordfrankreich, werden verhaftet und interniert. Die Städte werden besetzt, die Gefangenen zur Zwangsarbeit in die Fabriken nach Deutschland deportiert oder zum Hilfsdienst an der Front gezwungen.
Millionenvermögen werden beschlagnahmt und nach Deutschland verschickt. Beutegut. Eine Spur der Gewalt und Zerstörung hinterlassen die vorrückenden deutschen Truppen in Belgien und Frankreich. Allein in der Universitätsstadt Leuven hat des Kaisers Soldateska zweihundertachtundvierzig Zivilisten getötet und neben der berühmten Bibliothek zweitausend weitere Gebäude zerstört. Neue Herren – oder schon Herrenmenschen? Am Ende sind mehr als fünftausendfünfhundert belgische und über neunhundert französische Zivilisten ihrem Wütem zum Opfer gefallen.
Während das kaiserliche Heer an der Ostfront mit den Russen um Ost-Preußen ringt, erstarrt im Herbst 1914 die Front im Westen auf über siebenhundertfünfzig Kilometer, vom Meer bis zur Schweiz. Auch um Ypern, in Flandern gibt es jetzt ein Schlachtfeld. Hier kämpfen die Deutschen gegen Briten, Franzosen und Belgier. Der schnelle Krieg ist gescheitert. Die Hoffnung der Deutschen, Weihnachten 1914 wieder zuhause zu sein erfüllt sich nicht. Beide Seiten graben sich ein, beißen sich fest, beharken sich. Ohne einen Meter Geländegewinn liegen sich die verfeindeten Armeen in den kalten, feuchten Gräben wochenlang gegenüber. Kriegstechnisch ist der Stellungskrieg mit dem herkömmlichen Waffenarsenal nicht zu gewinnen. Viele Soldaten sind erschöpft, entmutigt, enttäuscht, auch bei den Briten. Den weihnachtlichen Plumpudding müssen sie im Schützengraben verzehren. Vereinzelt kommt es sogar zu Verbrüderungsszenen mit dem deutschen Feind.

Stillstand
Der deutsche Generalstabchef von Falkenhayn trägt Industrie und Wissenschaft sollen neue Waffen entwickeln die wieder Bewegung in den Stellungskrieg bringen, chemische inbegriffen.
Hier, am Kaiser Wilhelminstitut für Elektrochemie in Berlin macht man sich schon seit Kriegsbeginn Gedanken darüber. Die hochangesehenen Chemiker und Physiker tüfteln an einem Kampstoff. Der international bekannte Chemieprofessor Fritz Haber ist ihr Leiter. Er stellt sein Institut, sein Wissen und seine Mitarbeiter ganz in den Dienst des heroischen Waffenganges.

Eva Lewis – Tochter von Fritz Haber:
„Fritz Haber dachte, er könnte den Gaskrieg dazu benutzen wieder Bewegung in den Stellungskriegs zu bringen. Die Soldaten würden aus den Schützengräben fliehen. Einige würden sterben, und dadurch gäbe es wieder eine Bewegung aus den Gräben heraus, zurück in einen offenen Krieg. Und wenn die Deutschen als ersten damit anfingen verschaffte das ihnen einen Vorteil der den Krieg verkürzen könnte. Er glaubte fest daran, dass dies den Krieg verkürzen würde.“

Auch die Chemie-Industrie, wie die Farbenwerke Bayer in Leverkusen, experimentiert mit Gaskampfstoffen. Als harmlose Stinkstoffe und Niesversuche lehnt der Generalstab die ersten Tests ab. Sie finden in der Wahner Heide bei Köln statt. Die oberste Heeresleitung will etwas was die Soldaten tötet. Haber findet die Lösung. Er setzt auf Chlor. In seinem Institut erprobt er den höllischen Stoff an Versuchstieren. Zugleich schult er Farmazeuten, Apotheker und Laboranten als neue Gastruppe für den ersten Fronteinsatz.

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Sie leiteten das Gas in die Kammer wo die Tiere sich befanden und beobachteten wie die Tiere verendeten. Und sie wiesen die Ausbilder an, auch die zukünftigen Gaspioniere sorgfältig zu beobachten wie sie das ganze ertragen. Mein Vater meinte, es war sehr wichtig, dass sie nicht so reagieren dass daraus an der Front ein Problem werden könnte.“

Dietrich Stolzenberg – Sohn eines Mitarbeiters von Fritz Haber:
„Die Giftigkeit des Chlors wirkt sich besonders auf die Atemorgane aus. Ja. Es..., wenn man Chlor einatmet fängt man an sich zu erbrechen, die Lunge wird eben angegriffen und das kann zu einem relativ schnellen Tod führen. Und das hat Haber sicher Halkenhayn auseinandergesetzt.“

Chlor ist der ideale Stoff die Wünsche Falkenhayns und seiner Militärs zu befriedigen. Das Gift ist in ausreichender Menge vorhanden, schnell verfügbar und frontfähig. Die freien Feldversuche in der Döberitzer Heide bei Berlin zeigen es.
Anfang 1915 ist der Generalstab überzeugt. Er will es mit der neuen Waffe versuchen. Für den ersten Gasangriff wird die Front bei Ypern in Westflandern ausgesucht. Ein Durchbruch der Deutschen bei an die Kanalküste könnte den Kriegsverlauf entscheidend beeinflussen, weil die Briten damit von ihrem Nachschub abgeschnitten wären. Fritz Haber verlässt sein Labor um diesen ersten Einsatz seiner Gastruppe persönlich zu überwachen.

Eva Lewis – Tochter von Fritz Haber:
„Ich denke die Welt muss verstehen, dass er tatsächlich der erste Wissenschaftler war, wahrscheinlich in der ganzen Welt, der buchstäblich sich die Uniform anzog und einen Gaskrieg oder einen chemischen Krieg gegen einen Feind führte.“

Ypern wird nicht erobert, der Durchbruch zum Meer misslingt, der Geländegewinn ist gering. Die Generäle haben das Überraschungsmoment der neuen Waffe nicht genutzt. Die Deutschen feiern den Angriff trotzdem als Sieg. Die Schützengräben sind ausgeräuchert, der Feind aus den Stellungen vertrieben. Das Gas verbreitet Angst und Schrecken. An der Waffe lag es nicht, dass der große Triumph ausblieb. Für Haber und seine Gaskriege ist Ypern der engültige Durchbruch für ihre Zunft: Wissenschaft ist kriegstauglich.

Eva Lewis – Tochter von Fritz Haber:
„Mein Vater ging in den Krieg als ein Feldwebel, oder Hauptfeldwebel. Dann wurde er Hauptmann, wurde Offizier ohne auf eine Offiziersschule gehen zu müssen. Und er führte den Gaskrieg.“
Eine erstaunliche Soldatenkarriere, für einen Wissenschaftler. Wissenschaftsfreund Wilhelm II. hat offenbar ein kaiserliches Auge auf den berliner Professor und seine ‚Desinfektions-truppe’ geworfen. Sollte die Armee noch Vorbehalte gegen das Gas gehegt haben, die Bedenken haben sich in Luft aufgelöst. Der massenhafte Tod in der Gashölle Ypern hat überzeugt.

Bill Siebert – Sohn eines deutschen Gaspioniers:
„Nach dem Erfolg des Gasangriffs im April der vom Oberkommando aus anerkannt wurde, erhielten mein Vater und die anderen Gaspioniere sechshundert Mark, dass sie Beutegeld nannten. Es entsprach dem Jahressold eines deutschen Soldaten, eine Menge Geld. Und er wurde dadurch Mitglied einer Elitentruppe. Jeder achtete jetzt darauf was mein Vater sagte, sogar ranghohe Offiziere hörten auf ihn.“

Fünf Monate brauchen die Briten bis zum Vergeltungsschlag. Ihre Chlorproduktion ist nicht so weit entwickelt wie die deutsche, doch mit jedem Kriegstag holen die alliierten Mächte auf. Am 25. September 1915 werden bei Loos in Frankreich die Ventile von sechstausend Chlorflaschen geöffnet. Wie in Ypern ist die Wirkung verheerend. Begünstigt vom steten Westwind unternehmen die Briten mehr als dreihundert solcher Gasattacken, während das kaiserliche Heer nur rund fünfzigmal Gas abblasen kann. Schon bald benutzen alle Kriegsparteien auch Gasgranaten, sie machen den Gifteinsatz vom Wetter unabhängiger. Zu oft haben sich drehende Winde die Gaswolken in die eigenen Reihen getrieben. Mit den neuen Geschossen kann die Artillerie die tödliche Chemikalie auch tief ins Feindesland feuern. Seit April 1915 ist Gasalarm Alltag in den Schützengräben. Hüben wie drüben.
Kein Tag ohne chemische Waffe, und es werden immer mehr. Am Ende des Krieges, 1918, ist fast jede dritte abgefeuerte Granate ein Gasgeschoss. Und nie kommt das Gas allein. Begleitet von Artilleriefeuer sind die chemischen Geschosse Wegbereiter für den eigentlichen Vorstoß der Soldaten.

Maurice Guilloteau – Jahrgang 1897, französischer Soldat:
„Die Gasgranata machte keinen Lärm. Die ist so geplatzt wie ein verdorbenes Ei, das auf den Boden fällt. Die machte keinen Lärm, überhaupt keinen Lärm. Oh, ich sage ihnen, die ist gefährlich!

Ferdinand Gilson – Jahrgang 1898, französischer Soldat:
„Der Sprengkopf trennt sich, und die Gase lösen sich auf. Ich habe mich übergeben. Ich bin zum Major gegangen und der fragte – damals waren wir richtig zotig – ‚Hast du gekotzt?’ Und ich habe gesagt: ‚Ja, Herr Major.’ Und er hat gesagt: ‚Gut, das ist gut, das ist richtig.’ Ich habe nichts gefühlt, nichts. Einmal nach einem Angriff war ich todmüde und bin vor Müdigkeit umgefallen. Ich bin in einem Straßengraben eingeschalfen und als ich schlief gab es eine Gasattacke, aber ich habe nichts gehört, ich habe nichts gewusst. Nur als ich wach geworden bin habe ich wieder gekotzt.“

George Ullmann – Jahrgang 1896, französischer Soldat:
„Man konnte nichts machen. Unglücklicherweise konnte man nichts machen, denn nichts ist schneller als ein Gasangriff. Das ist eine Frage von Sekunden. Es ist keine Sache die man voraussehen und organisieren kann, überhaupt nicht. Man muss es über sich ergehen lassen. Ich habe niemals den Geruch von Gas gerochen. Glücklicherweise. Weil es reichte es zu riechen um es schon eingeatmet zu haben. Die Lungen sind sehr empfindliche Organe und wenn die Lungen vom Erstickungsgas befallen sind ist nicht mehr zu machen.“

Unmittelbar nach einer feindlichen Gasattacke wird der chemische Gegenschlag vorbereitet. Direkt hinter der Front beginnen die Wissenschaftler bereits mit den ersten Analysen. Proben werden aus Blindgängern entnommen, die chemischen Substanze der gegnerischen Geschosse untersucht. Auf beiden Seiten testet und entwickelt ein Heer von Wissenschaftlern und Laboranten immer neue und wirkungsvollere Kampfstoffe.

Dietrich Stolzenberg – Sohn eines Mitarbeiters von Fritz Haber:
„Es gab die verschiedensten Ideen und, es war ja auch ein hin und her, eh, natürlich, jede Reaktion oder jede Neu-Entwicklung wurde ja sehr schnell von der anderen Seite aufgenommen. Und man hatte Abteilungen, natürlich, die also das (genäher) genau untersuchten. Und dann wurde dann etwas was ganz selbsverständlich für gut befunden wurde in diesem Sinne, dann also auch nachgemacht, ja.“

Am Anfang ist der Schutz gegen das Gas noch primitiv. In Ypern ist es einfach ein präparierter Wattebausch aus Putzwolle. Wer in diesen Tagen eine richtige Gasmaske besitzt ist privilegiert. Der Gaskrieg hängt auch vom Gasschutz ab. Das wissen Militärs wie Wissenschaftler. Von Beginn an wird intensiv von beiden Seiten an Gasmasken gearbeitet. Sie sollen schnell und massenhaft produziert werden. Eine Gasmaske für jeden Soldaten ist das Ziel.

Gas ist auch der neue Schrecken für die Menschen in den Städten und Dörfern in Frontnähe. Mit den modernen Bombenflugzeugen und Zeppelinen könnten die tödliche Waffe auch ins gegnerische Hinterland getragen werden. Doch alle kriegsführende Mächte scheuen sich, das Gift gegen die feindliche Zivilbevölkerung einzusetzen.

Erfolg oder Misserfolg des Gaseinsatzes hängen immer mehr davon ab wie die Soldaten vorbereitet sind. Sie müssen gut ausgerüstet, ausreichend geschult, rechtzeitig alarmiert sein. Und die Disziplin haben ihre Gasmasken aufzusetzen.

Maurice Guilloteau – Jahrgang 1897, französischer Soldat:
„Ja, wir hatten Versammlungen dafür. Wir mussten es üben. Man setzte die Gasmaske auf undsoweiter. Ja man hat uns richtig instruiert. Wir nannten sie die ‚Schweinenase’. Die verdeckte die Nase und die Augen.

Ferdinand Gilson – Jahrgang 1898, französischer Soldat:
„Manchmal gab es Soldaten die, um atmen zu können, die Gasmasken absetzten. Und dann haben sie das Gas eingeatmet, und ihre Lungen wurden verbrannt. Es war ein einfacher Reflex, sie versuchten richtig zu atmen, es tat furchtbar weh, es war extrem schmerzhaft.“

Die klügsten Köpfe seiner Zunft, viele von ihnen spätere Nobelpreisträger, schart Fritz Haber in Berlin um sich. Sie wollen immer bessere Chemiewaffen und den Schutz dagegen entwickeln. Ebenso die Briten, für die beispielsweise der bekannte Chemiker Harrod Hartley den englischen Gasschutz erforscht.
Wie Haber tragen auch die Wissenschaftler der Alliierten, hier in Frankreich, unter ihrem Laborkittel den Waffenrock. Mit ihrem Wissen halten sie den chemischen Krieg am Laufen. Alle beteiligen sich an der chemischen Rüstungsspirale, auch die USA, die 1917 auf Seiten der Entente in den Krieg eingreifen und viele Gastote haben. Unter Amos Fries, dem Befehlshaber der Gastruppen, lernen sie sehr schnell den Umgang mit der chemischen Waffe. Die Gasversuche sehen nun überall gleich aus. Über die Frontlinie hinweg entwickelt sich ein Wettstreit um die besten Ideen. Die neuen Chemiewaffen als Beweis für die geistige Überlegenheit der Nation und des Vaterlandes.
Und in den Tanks der Chemie-Industrie lagern die notwendigen Rohstoffe. Sie stammen noch aus Friedenszeiten, als man daraus Farben und andere Alletagsprodukte machte. Jetzt verwandeln die Chemiekonzerne diese Rohstoffe, nach der Rezeptur der Professoren, in fronttaugliche Gifte. In Deutschland steigen vor allem die Farbenwerke Hoechst, BASF und Bayer in das einträgliche Geschäft ein. Neue Fabrieken und Anlagen entstehen um die Armee ausreichend zu versorgen.
Zwei Drittel der im Krieg eingesetzten Lungengifte Chlor, Phosgen und Diphosgen werden von den drei deutschen Konzernen gebraut. Allein BASF produziert ein Viertel des deutschen Chlorgases, das auch das Augenlicht angreift. Die Bayerwerke haben Senfgas entwickelt und beliefern damit das Heer. Eingeatmet zersetzt das die Organe, als Kontaktgift verätzt es die Haut. Hoechst hat sich auf das arsenhaltige Nasen- und Rachengift Klag spezialisiert. Es durchdringt die besten Gasmasken.
Im Verlauf des Krieges übersteigt die alliierte Giftgasproduktion die deutsche. Protest oder gar Widerstand dagegen rührt sich kaum. Bei allen Kriegsnationen werden moralische Zweifel mit patriotischem Pathos beiseite geführt.

Eva Lewis – Tochter von Fritz Haber:
„Ich glaube nicht, dass mein Vater irgenwelche Skrupel hatte, den deutschen Gaskrieg zu führen, oder überhaupt einen Gaskrieg. Fritz Haber glaubte, dass die Wissenschaft in Friedenszeiten der ganzen Welt gehört, aber im Krieg gehört sie dem eigenen Land, dem Vaterland.“

Das Gas vergiftet allein an der Westfront mehr als eine halbe Million Soldaten. An der Ostfront sind es rund vierhundertfünfundsiebzigtausend.

Maurice Guilloteau – Jahrgang 1897, französischer Soldat:
„Wenn einer durch eine Gasgranate verletzt wurde, durch das Gas, das war fürchterlich. Ich hatte einen Freund, der wurde von einer Granate leicht verletzt, aber er hat das Gas eingeatmet, oh, das ging ganz schnell. Er wurde ins Krankenhaus gebracht, er war im Krankenhaus und er konnte nicht atmen, er bekam einfach keine Luft mehr. Es tat weh, ihn so zu sehen. Zwei Tage später erfuhren wir, dass er tod war. Vergiftet, aufgefressen vom Gas.“

Eigentlich hatte sich die Völkergemeinschaft längst geeinigt keine Chemiewaffen gegen Soldaten zu richten. Bereits 1907 wurden sie in der Hager Landkriegsordnung verboten. Fast alle haben unterschrieben, doch jetzt hält sich keiner daran. Auge um Auge, so die Maxime der christlichen Nationen im Gaskrieg. Auch der englische König Georg V. hegt keine Zweifel, wie der Besuch bei seinen Gaskriegern zeigt. Ob Monarchie oder Demokratie, alle machen mit.

Fred Henny – Enkel des Befehlhabers der US-Gastruppen:
„Mein Großvater war ein sehr moralischer Mensch. Sein Standpunkt war, dass es von den Deutschen falsch war Gas überhaupt einzusetzen. Aber als die Büchse der Pandora einmal geöfftet war, musste man damit umgehen. Er war natürlich nicht davopn begeistert, es hat ihm keinen Spaß gemacht, er hatte nie das Gefühl das sei eine große Sache. Es war ein Job, der getan werden musste. Er machte ihn so gut er konnte.“

Etwa zwanzigtausend Soldaten sterben durch Gas an der Westfront. An der Ostfront sind es fast dreimal soviel. Ein unsichtbarer, lautloser, lähmender, erstickender Tod.

Cecil Withers – Jahrgang 1898, britischer Soldat:
„Senfgas hat die Erde regelrecht verseucht. Und wenn Granaten dann wieder einschlugen wurde dieses Gift erneut aufgewirbelt. Man roch es, und davon habe ich ein wenig eingeatmet, so dass ich für zwei, drei Wochen mit Bronchitis ins Krankenhaus musste.“

Und das Sterben ist mit dem Krieg nicht zu Ende. Viele erliegen dem Tückischen Gas erst, wenn schon längst wieder Frieden ist.

George Ullmann – Jahrgang 1896, französischer Soldat:
„Die Verletzungen durch das Gas zeigten sich in der Zerstörung der Lungen. Und viele Franzosen die glaubten im Krieg nichts erlitten zu haben liefen mit zerstörten Lungen herum. Er war unnützt zu klagen, aber ihr Leben lang haben sie gelitten.“

Militärisch ist der Gaseinsatz kein Erfolg. Das Ziel der deutschen Führung, den Gegner aus den Schützengraben zu treiben, misslingt. Die Chemiewaffen demoralisieren und verängstigen die Frontsoldaten. Einen strategischen Vorteil erkämpfen sie nicht. Seit April 1915, seit der Gifthülle von Ypern, haben alle Kriegsparteien chemisch aufgerüstet. Ungehindert, unaufhaltsam und ungestraft. Seit damals sind die Chemiewaffen nie mehr aus der Welt verschwunden.

Das fast völlig zerstörte Ypern wird nicht erobert. Der zermürbende Stellungskrieg dauert fast bis zum Kriegende. Die Westfront bewegt sich so gut wie nicht. Verändert hat sich nur der Tod in den Schützengräben. Er ist durch das Gas noch schmutziger, noch qualvoller geworden.